Für Mario Romano Ricci ist die ethische Dimension keine abstrakte Kategorie, sondern geradezu die Erfahrung der Existenz, die Erprobung der eigenen bürgerlichen und religiösen Identität im künstlerischen Schaffen.

Schon seine biografischen Ursprünge, die ihn als stolzen Toskaner oder – genauer –  „Etrusker“ hervorheben, prägen seine Gesichtszüge, den scharfen Umriss seines Hauptes, und treten klar im energischen, bestimmten Charakter seiner Art hervor, zuweilen auch in einem Temperament, das an die italienischen Novellengestalten des vierzehnten Jahrhunderts erinnert. Dieser Physiognomie sind wir schon öfter in den römischen Porträts des republikanischen Zeitalters begegnet, diesem finsteren, stolzen Blick der ersten Italiker, dem sanguinischen Ausdruck dieses Volkes, der den etruskischen Nachbarn Einiges von seiner realistischen Schärfe zu verdanken hat, auch wenn es darum geht, dem Tod ins Auge zu sehen.

Als bewusster Erbe dieser Tradition bringt er den Geschmack jener Zeit in seinem alltäglichen Umgang zum Ausdruck und prägt damit auch seine bildhauerische Produktion, die er als Verlängerung seiner Gedankenwelt erlebt. Dieser ständige Dialog wird in den bewältigten Themen geäußert, die häufig in der Erforschung der menschlichen Gestalt zusammengefasst werden. Seine Poesie hat nämlich das Bestreben, die wesentlichen Werte des Individuums hervorzuheben – und sie zuweilen auch auf entschlossene Weise zu unterstreichen –, in aller Offenheit vom Menschen zu sprechen, sowohl durch die Spontaneität der bildnerischen Kunst, als auch durch die Feierlichkeit der abstrakten Werke.

Das Bedürfnis, diese Werte klar und deutlich zum Vorschein zu bringen, kommt bereits in Riccis grafischen Skizzen zum Ausdruck, die den anschließend von der Skulptur verfolgten formellen Lösungen vorangehen und sie studieren: Der Stil ist trocken, ohne Selbstgefälligkeit, und verweilt nicht in Beschreibungen, es sei denn, um für seine Kohärenz erforderliche Akzente zu setzen. Gerade auf diese Weise erreichen die Skulpturen die wirksamste, unmittelbarste semantische Lösung. Und vielleicht treten auch in dieser Verschmelzungsgabe erneut das Muster der etruskischen Kunst, jenes oft bittere Lachen, jene nachdenkliche und feinspürige ganzheitliche Betrachtung des Menschen und des Lebens zutage.

Mit der Bevorzugung der bildhauerischen Sprache betont der Künstler ganz einfach seine nahezu kategorische Arbeitsweise: Bei der Holzbearbeitung besteht fast nie die Möglichkeit, Korrekturen anzubringen, und vielleicht zieht er das Holz gerade deshalb den anderen Materialien vor. Der Hohlmeißel hackt entschieden auf den Block ein, auch wenn sich der Bildhauer oft vom windungsreichen Verlauf der Holzmaserung leiten und somit von der Sinnlichkeit des lebendigen Stoffes verführen lässt.

Für die Augen des Betachters aus dem 21. Jahrhundert, der für den tiefen Sinn der Bildervielfalt, die ihn umgibt, immer tauber und gleichgültiger wird, bietet der Bildhauer die ethische Dimension des spirituellen Menschen.
Nicht nur bei der Behandlung von Gesichtern oder Gestalten hält Ricci an diesem Knoten fest: auch dann, wenn es ihm nicht um das rein bildnerische geht, kehrt er zum selben Leitfaden zurück, den Betrachter die Darstellung einer schon in sich abgeschlossenen, künstlerischen Laufbahn lassend.
Die hinreissende Lebhaftigkeit seiner reiferen Werke beruht eben auf  der vollendeten Expressivität, der er Unendlichkeit verleiht.


Elisabetta Doniselli

Diese Website verwendet Cookies, einschließlich Dritter. Weitere Informationen finden Sie in der erweiterten Offenlegung. Die Verfolgung in der Navigation beinhaltet die Annahme von Cookies.